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Dienstag, 05.02.2008
Interview | Judith Holofernes (Wir sind Helden)
»Soundtrack für Gefühle, die eh schon da sind«
Nach Babypause und Auslandstournee starten WIR SIND HELDEN im März ihre Deutschlandtour. Am 17. April stellen die Helden ihre aktuelle Platte »Soundso« in der Europahalle vor. Mit Sängerin Judith Holofernes sprach hunderttausend.de über die Tournee, den G8-Gipfel und Sohn Friedrich.
Interview | Judith Holofernes (Wir sind Helden);»Soundtrack für Gefühle, die eh schon da sind«
Foto: Promo
hunderttausend.de: Ihr seid im vergangenen Jahr mit einigen wenigen übersetzten Texten durch Europa getourt und werdet dies in den kommenden Monaten noch fortsetzen. Wie haben die Menschen in Frankreich, Holland und Polen auf euch reagiert?

Die Leute im Ausland haben sehr offenherzig und freundlich auf uns reagiert. Es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht. Man spielt aber natürlich ganz andere Konzerte, wenn man weiß, dass die Leute die Texte zum größten Teil doch nicht verstehen.

Wir hatten zum Beispiel ein Konzert in London, wo die Leute versucht haben, frenetisch mitzusingen, und ich dachte immer nur: »Was singen die denn da?« Nach dem Konzert hat mir dann jemand erzählt, dass er einfach alle Sätze gesungen hat, die er sich im Deutschunterricht gemerkt hat: »Mein Name ist Hans« und »Wo ist der Bahnhof?« (lacht).

Habt ihr auch in diesen Ländern schon den Status als Popstars oder sind die Konzerte dort so was wie ein »back to the roots« mit kleinen Locations, mehr auf Augenhöhe zu den Fans?

Hinter der Auslandstournee stand die Absicht, dass wir Lust hatten, wieder klein zu sein und in kleinen Clubs zu spielen, wo es wellige Käsebrötchen in fensterlosen Backstageräumen gibt. Genau das haben wir auch gekriegt in den meisten Fällen.

In Paris und London war es dann wirklich sehr »geheimtippmäßig«. Aber wir waren jetzt schon mehrfach im Ausland und es ist total schön zu sehen, wenn jedes Mal mehr Inländer kommen. Beim ersten Mal kamen jeweils sehr viele Deutsche, sprich Exilanten, die sich dann freuen, als wäre man sozusagen Schwarzbrot von zu Hause. Doch beim nächsten Mal kommen dann auch schon deren WG-Kumpels und die Quote verschiebt sich immer mehr in Richtung der Leute, die die Texte nicht verstehen. Das ist natürlich total schön. Nur in Holland war das anders…

…weil die Leute dort die Texte sowieso verstehen?

Das hat mehr damit zu tun, dass wir in Holland zufällig einen WM-Hit hatten. Da hatte sich der größte öffentliche Fernsehsender unser Stück »Wenn es passiert« als Untermalung für den WM-Tagesrückblick ausgesucht und damit kam unser Lied jeden Tag zu einer guten Sendezeit.

Bekannt geworden seid ihr 2002 in Deutschland durch die Kommerzkritik »Guten Tag« und eigens initiiertem Guerilla-Marketing. Die Konsumkritik ist mittlerweile aus euren Texten gewichen. Hat das auch damit zu tun dass ihr mit eurem Erfolg Teil des kommerziellen und medialen Systems geworden seid?

Die Konsumkritik, im Sinne von »darauf aufpassen, wen man sein Geld gibt«, ist aus meinem Leben nicht gewichen und auch nicht aus den Interviews, die ich gebe. Aber ich tendiere dazu, über ein Thema nicht zweimal einen Text zu schreiben.

Man muss sich als Künstler weiterbewegen und wir waren ja nie eine Konzeptband, die sagt, unser einziges Thema und Anliegen sei die Globalisierungs- und Konsumkritik. Ich bin in erster Linie Songwriter und ich schreibe über Dinge, die mich beschäftigen und das meistens nur einmal.

So ist die Kritik, die ihr übt, sehr vielfältig, wenn man alle drei Alben betrachtet. Sei es Kritik an der Konformität oder wie auf dem neuen Album an der Ellbogengesellschaft. Versteht ihr euch als gutes Gewissen der deutschen Musikkultur?

Nein. Das ist mir immer total wichtig, dies klarzustellen. Ich hab keinerlei missionarischen Impuls beim Schreiben. Ich schreibe über Dinge, die mich entflammen und inspirieren. Dinge, von denen ich meine, dass sie schön genug sind, um ein Liedtext zu werden. Es ist oft so, dass ich mir beim Schreiben ins Fäustchen kichere und denke, das wird ein paar Leuten Zünder geben, die ähnliche Gedanken haben. Aber für mich war Musik schon immer nur ein Soundtrack für Gefühle, die eh schon da sind. Und die persönlicheren Lieder mit Themen wie »Vergänglichkeit« oder »Loslassen müssen« halte ich im Leben für genauso wichtig.

Auch gesellschaftlich gesehen, glaube ich, dass es in keiner Weise wichtiger ist, sich mit Globalisierung auseinander zu setzen als mit den eigenen Ängsten. Erst dadurch wird man doch ein sozialer und weltkompatibler Mensch.

In Sachen Globalisierung habt ihr euch letztes Jahr auf dem G8-Gipfel in Heiligendamm solidarisch gezeigt mit den Gegendemonstranten. War das nur ein punktuelles Engagement oder seid ihr auch ansonsten politisch aktiv?

Wir versuchen eigentlich diese punktuellen Sachen, die so viel Aufmerksamkeit hervorrufen, zu vermeiden. Bei Heiligendamm erschien es uns aber so wichtig, dass wir dachten, wir könnten uns da nützlich machen.

Bei »LiveAid« war es schon stark an der Grenze, weil dort auch einige Mobilfunkanbieter mit im Spiel waren. Und bei »LiveEarth« haben wir dann aus diesen Gründen nicht mitgemacht, obwohl wir das Projekt inhaltlich toll fanden. Man muss bei solch großen Veranstaltungen eben immer Kompromisse eingehen. Auch wenn es im Kern eine gute Sache ist, machen wir dann in einigen Fällen doch lieber Stände und Unterschriftenaktionen auf unseren eigenen Konzerten.

Ihr wurdet im Zusammenhang mit dem G8-Gipfel auch als »Soundtrack der Bewegung« bezeichnet. Ist das nicht ein großer Spagat zwischen kommerziellem Popstar-Erfolg und Heldentum einer gegensätzlichen Bewegung?

Das ist immer schwierig. Es ist eine Balance, die uns viele Nerven kostet. Wir sitzen ständig über kleinen Entscheidungen – sei es, in welche Fernsehsendung man geht, oder wem man Interviews gibt. Aber ich bin sehr froh über das Ergebnis, denn wir verspüren keinerlei Verpflichtungen, den politischen Bedürfnissen einiger Fans entgegen zu kommen. Wenn irgendetwas nicht mehr cool und nicht mehr »indie« sein soll, weil es zu groß wird und zu viele Leute es hören, das geht mich nichts an. Das ist nicht mein Bezugssystem von Musik.

Und wenn ich in unser Publikum gucke, dann bin ich glücklich, weil ich das Gefühl habe, dass die meisten verstehen, worum es uns im Kern geht. Auch wenn inhaltlich nicht jeder im Detail die Bedeutung von »Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst« oder »Endlich ein Grund zur Panik« versteht. Das verstehen nämlich echt wenige (lacht). Nur finde ich es komisch und elitär, zu sagen, was man genau für eine Art von Publikum ansprechen möchte.

Das neue Album »Soundso« ist, wie der Titel schon sagt, sehr facettenreich. Rockige Lieder, Soulelemente und nachdenkliche Balladen machen es eben so und so. Wo ordnet ihr euch musikalisch mit der Platte ein?

Wir ordnen uns am ehesten musikalisch ein bei Bands, die ähnlich verspielt sind und sich ähnlich schwer einordnen lassen. Ohne uns mit jemanden vergleich zu wollen, finden wir beispielsweise eine Band wie WEEN grandios, die alles zitieren, was ihnen unter die Finger kommt. Die haben eine komplette Country-Platte gemacht und sind damit in die amerikanischen Countrycharts reingekommen.

Und das mit Texten, die überhaupt nicht gehen in dieser Szene, weil sie über Schwule singen und andere Sachen, die Trucker gar nicht hören wollen. Für uns ist an unserer neuen Platte das wichtigste, dass sie vom Gefühl her noch verspielter und Grenzenüberschreitender ist, als die vorherigen…

Und was von all dem erwartet uns im April in Trier?

(Lacht) Wir sind zum ersten Mal in der schwierigen, aber auch schönen Situation, dass man unheimlich viele Lieder rausschmeißen muss. Insofern spielen wir bei jedem Konzert ein bisschen was anderes. Versuchen auch Sachen raus zu kramen, die wir schon länger nicht mehr gespielt haben.

Und mit unseren Bläsern machen wir ziemlich viel Alarm. Die kriegen mittlerweile schon mehr Fanpost als wir, weil die so niedlich aussehen und die Mädchen anfangen zu quieken. Das versuchen wir natürlich zu unterbinden (lacht). Ja, ansonsten aber: allgemeiner Helden-Schabernack.

Das Boulevardthema noch am Rande: Könnt ihr, Pola und du, eurem einjährigen Sohn Friedrich trotz der Tourstrapazen eine angemessene Erziehung bieten?

Wir geben uns alle Mühe. Es hat seine Vor- und Nachteile. Wir haben von Anfang an gesagt, wenn wir das Gefühl haben, dass es für ihn nicht gut ist, dann hören wir einfach damit auf. Die Prioritäten sind da relativ klar.

Im Moment macht Friedrich die Sache aber total viel Spaß, weil er so ein bisschen großfamilienmäßg aufwächst und viele Leute um sich herum hat. Für uns beide – das müssen wir ehrlich zugeben – ist es wahnsinnig anstrengend. Aber vielleicht auch nur in dem Maße, wie es für alle jungen Eltern anstrengend ist, die versuchen noch etwas nebenbei zu machen. Die positive Seite ist natürlich, dass wir unglaublich viel Zeit für unser Kind haben, weil es immer mit dabei ist (ck).
– von Johannes Hillje